Kaum zu glauben: Bürokratie-Wahnsinn im Malerbetrieb: Keine Leiter ohne Leiterbeauftragten

Malerbetriebe haben die Wahl: Entweder kommt jährlich der Leitern-TÜV oder die Leitern landen nach einem Jahr auf dem Müll. Alternativ stellen manche Betriebe Leiterbeauftragte ein.
Vier Mal im Jahr absolviert Timm Kern ein Praktikum in einem Unternehmen seines Wahlkreises. Der promovierte FDP-Politiker ist seit 2011 Landtagsabgeordneter, stellvertretender Vorsitzender und bildungspolitischer Sprecher seiner Fraktion. So ein ganztägiges Praktikum erdet ihn. Weil das Berufsleben auf dem Boden der Tatsachen besser aufgehoben ist als in den höheren Sphären einer theoretischen Metaphysik. Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Kürzlich war er als Praktikant in einem Malerbetrieb. Die Arbeit ging morgens los.
Mit Latzhose und den wichtigsten Utensilien für diesen Tag: Schleifmaschine und Pinsel. „Ich habe den ganzen Tag geschmirgelt und gestrichen“, erinnert er sich. Abends fuhr er mit dem Meister zurück in die Werkstatt. Endlich Feierabend? Nein, hat der Meister gesagt, jetzt fängt’s doch erst so richtig an. Die Frage Kerns, was denn jetzt noch käme, beantwortete der Malermeister mit einem Griff in eine der Ablagen an der Wand. Dort kramte er ein Formular hervor, das (Trigger-Warnung, jetzt folgt Ironie) ihm besonders ans Herz gewachsen ist. Es ist das Formular mit dem Titel „Leitern-Prüfbericht“.
Es geht um Haftungsfragen, denn Versicherungen nehmen sich gerne aus der Verantwortung bei Arbeitsunfällen. Wenn beispielsweise ein Arbeiter von der Leiter fällt, weil diese nicht betriebstauglich ist. Der Gesetzgeber schreibt den Betrieben deswegen exakt vor, wie Leitern geprüft werden müssen. Und weil das insgesamt 30 Punkte umfasst und pro Leiter ein Mal pro Jahr verlangt wird, haben größere Malerbetriebe einen eigenen Leiterbeauftragen, der regelmäßig geschult wird. Der geht Punkt für Punkt im Formular durch, überprüft die Holme auf Absplitterung oder Verformung, kontrolliert etwaige Schweißnähte und schaut nach, ob Schrauben richtig angezogen sind. Und so weiter, bis alle Punkte abgehakt sind. Die Meinung des Meisters, dem der Betrieb gehört, ist eindeutig: Bürokratie-Wahnsinn. „In der Zeit, während der er alle Berichtspflichten ausfüllt, kann er keine Wand streichen“, fasst es Kern in eigenen Worten zusammen. Und so lange verdient der Betrieb auch nichts, oder aber er legt diese Kosten um auf seine Kunden. Die dann wiederum über hohe Handwerkerrechnungen und steigende Baupreise klagen.
Stimmt das, worüber der FDP-Abgeordnete berichtet? Stimmt, sagt Roman Geiselhart aus Pfullingen. Er ist Obermeister der Maler- und Lackierer-Innung Reutlingen. Wobei es Mittel und Wege gibt, ohne einen Leiterbeauftragten auszukommen, wie er zugibt. Aber die taugen nicht viel.
Möglichkeit eins: Man könnte den TÜV mit der Prüfung beauftragen. Dann aber würde die Sache teuer, weswegen sich eine zweite Variante durchsetzt. Einige Betriebe sparen sich den TÜV. Sie werfen beispielsweise ihre Bockleitern aus Holz nach einem Jahr weg und kaufen sich neue. So eine Leiter hält locker zehn Jahre, sagt Geiselhart, manchmal auch 20. Aber sie kostet im Einkauf nur etwa 85 Euro, das ist weniger als die Kosten für den TÜV.
Für einen großen Betrieb mit etwa 150 Leitern im Bestand lohnt sich also der Leiterbeauftragte. Aber nur deswegen, weil die Alternativen noch teurer sind: „Es handelt sich um eine umfangreiche Verpflichtung, diese Leitern zu prüfen und dies zu dokumentieren“, beschreibt es Geiselhart. Dass sich der Aufwand lohnt, bezweifelt er, auch in Hinblick auf die Betriebssicherheit: „Seit es diese Vorschrift gibt, habe ich nicht weniger Unfälle festgestellt.“ Natürlich arbeiten nicht alle Betriebe immer nach Vorschrift, aber ordentliche und seriöse Unternehmen „brauchen das alles nicht.“
Für den FDP-Abgeordneten Timm Kern ist der Leiterbeauftragte ein Beleg für überbordende Bürokratie, die allein darin fußt, dass der Staat Unternehmen misstraut. Er schlägt vor, die Berichtspflichten probeweise für ein halbes Jahr auszusetzen, um danach zu entscheiden, was davon überflüssig ist und auf Dauer verschwinden kann, und was erhalten werden sollte. „Unternehmer heißen Unternehmer, weil sie etwas unternehmen wollen“, sagt Kern. „Sonst müssten sie Unterlasser heißen.“
Quelle: Südwest Presse - Metzingen - 11.03.2025 - Peter Kiedaisch
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