Was Kirche und Politik gegen die Polarisierung tun können

Norbert Braun, evangelischer Dekan (Münsingen) und Dr. Timm Kern MdL
Norbert Braun, evangelischer Dekan (Münsingen) und Dr. Timm Kern MdL

Zwei studierte Theologen im Gespräch: Beim Besuch des Landtagsabgeordneten Dr. Timm Kern (FDP) beim evangelischen Dekan Norbert Braun in Münsingen war die erste Gemeinsamkeit schnell gefunden. So unterrichtete Dr. Timm Kern vor seinem Einzug in den Landtag im Jahr 2011 unter anderem katholische Religion an einem Reutlinger Gymnasium. Norbert Braun seinerseits wurde 2016 zum Dekan im Kirchenbezirk Bad Urach – Münsingen gewählt, der 2013 aus der Fusion der Dekanate Bad Urach und Münsingen entstanden war.

Im Zentrum des Austausches stand das Zusammenspiel von Kirche, Gesellschaft und Politik. Die Ergebnisse der politischen Ränder bei der vergangenen Bundestagswahl besorgten beide Gesprächspartner. „Den Parteien der politischen Mitte gelingt es zurzeit immer weniger, die Wählerinnen und Wähler an sich zu binden“, so Dr. Timm Kern. Auch Dekan Norbert Braun beschäftigt die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft. „Wir sind als Kirche daran interessiert, der Polarisierung entgegenzuwirken und Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Die Fähigkeit, gemeinsame Lösungen für Probleme zu finden, muss erhalten bleiben“.

Einen Grund für das Erstarken der politischen Ränder sah der FDP-Landtagsabgeordnete Dr. Timm Kern darin, dass der Staat als zunehmend dysfunktional wahrgenommen werde: „In den wichtigen Dingen ist der Staat zu wenig handlungsfähig – zum Beispiel, wenn es darum geht, unser Bildungssystem gut aufzustellen“. Dekan Norbert Braun betonte, dass auch der Blick auf das Soziale wichtig sei, um Polarisierung zu überwinden. Die Kirche leiste hier gerne ihren Beitrag, z.B. durch die qualifizierten Beratungs- und Hilfsangebote des Diakonieverbands Reutlingen. Hier wünschte er sich allerdings in manchen Bereichen auch mehr Unterstützung: „Beispiel Schuldnerberatung: Hier haben wir als Kirche am Ende immer einen Abmangel und zahlen drauf. Und das, obwohl wir eine Aufgabe übernehmen, um die sich der Staat sonst selbst kümmern müsste.“

Am Beispiel der Notfallseelsorge machte Dekan Braun deutlich, wie Kirche sich auch in anderen Bereichen professionell engagiere, angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen aber auch an Grenzen stoße. Grund dafür sei die Reduktion von Pfarrstellen: „Innerhalb von sechs Jahren haben wir nun ein Viertel weniger Pfarrstellen. Das liegt natürlich auch daran, dass immer weniger junge Menschen sich auf immer mehr Studiengänge aufteilen und wir so weniger Theologen ausbilden können“, erklärte der Dekan seinem Gast aus dem Landtag. Dr. Timm Kern plädierte vor diesem Hintergrund für die weitere Verstärkung der Kooperation zwischen evangelischer und katholischer Kirche, zum Beispiel bei der Organisation des Religionsunterrichts.

Auch das Thema Ganztagesbetreuung in Grundschulen kam zur Sprache. Dekan Norbert Braun erklärte, dass die Kirchen hier bereit seien, als Partner zu agieren – man müsse aber aufpassen, dass dem Ehrenamt nicht zu viel aufgebürdet werde. „Wir als Kirche sind sehr gerne Partner. Aber natürlich haben auch wir keine unbegrenzten Ressourcen“. Der Abgeordnete Dr. Timm Kern, der auch bildungspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion ist, verwies darauf, dass er gegen einen verpflichtenden Ganztag sei: „Jeder, der ein Angebot braucht, soll auch eines bekommen. Aber gerade im ländlichen Raum dürfen wir auch das Vereinsleben und das Ehrenamt junger Menschen – zum Beispiel auch im kirchlichen Bereich – nicht vergessen. Das darf durch den Ganztag nicht verdrängt werden“.

Der abschließende Appell von Dekan Norbert Braun war, die Menschlichkeit auch im politischen Alltagsgeschäft nicht zu vergessen. Anhand der Ethik der Verletzlichkeit von Giovanni Maio plädierte er dafür, dem Menschen bereits durch seine bloße Existenz Wertigkeit zuzugestehen. „Wenn wir darauf basierend füreinander Sorge tragen, ist die Verletzlichkeit des Menschen kein Problem.“ Ein nachdenklicher Ansatz, den Dr. Timm Kern gerne wieder mit zurück in seine schnelllebige Arbeit im Landtag nahm.